Landwirtschaftspraktikum in der 9. Klasse
Mit dem Beginn der Oberstufe treten Jugendliche in eine neue Lebensphase ein: Sie hinterfragen sich selbst, ihre Umgebung und suchen nach ihrer eigenen Identität – die Pubertät beginnt. Körper und Geist werden neu erlebt, und die Jugendlichen lernen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.
Im Landwirtschaftspraktikum erfahren sie auf biologisch bewirtschafteten Höfen und in Gärtnereien, wie Lebensmittel gewonnen werden und welche Arbeit dahinter steckt. Dabei erleben sie erstmals oft für mehrere Tage ein Leben außerhalb des Elternhauses in einem neuen sozialen Umfeld, alleine oder gemeinsam mit einem Klassenkameraden.
Während des Praktikums führen die Schülerinnen und Schüler ein Berichtsheft oder Tagebuch, arbeiten an einem aktuellen Vertiefungsthema oder beobachten Tiere. Die Ergebnisse werden beim gemeinsamen Rückblick-Abend mit Eltern und Gastgebern vorgestellt.
Das Praktikum vermittelt Wertschätzung für bäuerliche und gärtnerische Arbeit, für die Menschen, die sie leisten, und für die Natur selbst. Gleichzeitig lernen die Jugendlichen sich selbst, ihre Grenzen und ihre Mitmenschen besser kennen. Es bietet einen intensiven Einblick in die Verbindung zwischen Mensch und Erde und macht im Zeitalter zunehmender Naturentfremdung bewusst, wie wichtig der Boden für unser Leben ist.
Alpenüberquerung in der 9. Klasse
Gratwanderer und Gipfelstürmer – 10 Tage. 130 Kilometer – 10.000 Höhenmeter – ein gemeinsames Ziel.
Wie können Jugendliche echte Grenzerfahrungen machen? Wie begegnen sie sich selbst – jenseits von Klassenzimmer und Alltag? Und wie lassen sich verborgene Kräfte, Mut und Durchhaltevermögen wecken?
Im geschützten Raum der Schule sind solche Erfahrungen nur begrenzt möglich. Deshalb gehen wir hinaus in die Natur. Fernab der Zivilisation erleben die Jugendlichen sich selbst neu – im eigenen Körper, im eigenen Willen, in der Gemeinschaft.
Die Alpen werden dabei zum Lehrmeister. Schritt für Schritt überschreiten wir äußere und innere Grenzen. Was allein kaum zu schaffen wäre, gelingt in der Gruppe: Wir halten zusammen, bleiben zusammen – der Langsamste bestimmt das Tempo. Das fordert Geduld, Empathie und echte Sozialkompetenz. Aufgeben ist keine Option. Wenn die Hütte noch drei Stunden entfernt ist, hilft nur eines: weitergehen.
Zehn Tage lang heißt es: gehen, essen, schlafen. Hoch hinaus bis auf 3000 Meter, die eigene Atmung spüren, Natur in ihrer Majestät und Kraft erleben. Vom Kalkgestein bis zum Urgestein, von der Heimat bis ins milde Klima Merans.
Zeit für Gespräche. Zeit für Stille. Zeit, die eigenen Grenzen zu erfahren – und über sich hinauszuwachsen.
Am Ende steht das Ziel. Jeder für sich. Und alle gemeinsam.
Betriebspraktikum in der 10. Klasse
Arbeit erleben. Fähigkeiten entdecken. Verantwortung übernehmen.
Die 10. Klasse lebt von Vielfalt – fachlich wie menschlich. In rund 23 Unterrichtsfächern begegnen die Schülerinnen und Schüler unterschiedlichsten Perspektiven auf die Welt. Diese Breite ermöglicht es ihnen, eigene Interessen, Begabungen und auch Grenzen bewusster wahrzunehmen.
Im zweiwöchigen Betriebspraktikum steht der Bildungswert der Arbeit im Mittelpunkt. Fragen wie „Was kann ich wirklich?“, „Was traue ich mir zu?“ oder „Wo liegen meine Grenzen?“ führen in eine unmittelbare Begegnung mit der Wirklichkeit und fördern eine ehrliche Selbsteinschätzung.
Durch praktische, häufig handwerkliche Tätigkeiten wird besonders der Wille geschult. Übung, Wiederholung und sorgfältiges Arbeiten lassen Fähigkeiten wachsen. Rückmeldungen kommen dabei nicht nur von Ausbilderinnen und Ausbildern, sondern oft direkt aus der Tätigkeit selbst. Gleichzeitig entwickeln die Jugendlichen ihre Sozialkompetenz im Austausch mit Mitarbeitenden, Vorgesetzten und im Team weiter.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Selbstständigkeit: Die Schülerinnen und Schüler organisieren ihren Praktikumsplatz eigenverantwortlich, planen ihren Arbeitsweg selbstständig und führen ein tägliches Berichtheft. Sie reflektieren ihre Lernschritte im Rahmen einer Selbstevaluation, präsentieren ihre Erfahrungen mündlich vor der Klasse und dokumentieren das gesamte Projekt in einer Portfolioarbeit.
So wird das Praktikum zu einem wichtigen Schritt in Richtung Eigenverantwortung – und zu einer prägenden Erfahrung für den weiteren Lebens- und Berufsweg.
Vermessungspraktikum in der 10. Klasse
Das Vermessungspraktikum ist ein fester Bestandteil des Unterrichts an der Waldorfschule und verbindet theoretisches Lernen mit praktischer Erfahrung. Mathematik und Geometrie werden dabei nicht nur im Klassenzimmer behandelt, sondern in der realen Umgebung angewendet und unmittelbar erlebbar gemacht.
Beim Vermessen von Flächen, Wegen oder Gelände arbeiten die jungen Menschen im Team, übernehmen Verantwortung und erfahren, wie wichtig Genauigkeit, Absprachen und sorgfältiges Arbeiten sind. So werden neben fachlichen Kompetenzen auch soziale Fähigkeiten wie Zusammenarbeit, Ausdauer und Verlässlichkeit gestärkt.
Das Praktikum eröffnet zudem Einblicke in praktische Berufsfelder wie Vermessung, Architektur oder Bauwesen und schafft einen lebendigen Bezug zwischen schulischem Lernen und der Arbeitswelt. Gleichzeitig fördert es ein bewusstes Wahrnehmen des Raumes und der Umwelt.
Im Sinne der Waldorfpädagogik verbindet das Vermessungspraktikum Denken, Handeln und Erleben – und unterstützt die jungen Menschen dabei, sich die Welt aktiv, verantwortungsvoll und selbstständig zu erschließen.
Sozialpraktikum in der 11. Klasse
Begegnung mit dem Anderen – jenseits des eigenen Alltags. Persönliche Reifung durch Verantwortung. Soziales Handeln aus innerem Impuls.
Mit 17 Jahren stehen junge Menschen an einer Schwelle. Fragen wie „Wer bin ich?“ und „Wie finde ich Zugang zum anderen Menschen?“ treten in den Vordergrund. Vertraute Zusammenhänge werden brüchig, das eigene Ich und die Welt erscheinen plötzlich getrennt. Es ist eine Zeit der Suche, der Sensibilität und der inneren Neuorientierung.
Das Sozialpraktikum versteht sich deshalb nicht als Berufsorientierung, sondern als Beitrag zur persönlichen Reifung. Für drei bis vier Wochen arbeiten die Schülerinnen und Schüler in sozialen Einrichtungen – vorzugsweise in anthroposophischen Institutionen im In- oder Ausland, auch im englisch- oder französischsprachigen Raum.
Im Mittelpunkt steht die unmittelbare Begegnung: im gemeinsamen Alltag, in der Pflege, Betreuung oder Begleitung hilfsbedürftiger Menschen. Die Jugendlichen lernen, hinter äußere Fassaden zu blicken, Verantwortung zu übernehmen und eigene Bedürfnisse zurückzustellen. Sie erfahren, dass soziales Handeln Aufmerksamkeit, Einfühlungsvermögen und inneren Einsatz verlangt.
In der Auseinandersetzung mit Krankheit, Behinderung oder Hilfsbedürftigkeit entsteht oft eine neue Sicht auf das Menschsein – und nicht selten die Erkenntnis, dass auch sie selbst in dieser Begegnung beschenkt wurden.
Fremdsprachentheater in der 11. Klasse
Zwei Wochen intensives Sprachbad in Englisch und Französisch. Vertiefte Rollenarbeit mit echtem Bühnenanspruch. Eigene Szenen zu aktuellen Themen kreativ entwickeln.
Nach der intensiven Beschäftigung mit Lyrik und dichterischem Ausdruck in Klasse 10 rückt in der 11. Klasse das Theater in den Mittelpunkt. Die Jugendlichen sind nun in der Lage, sich vertieft mit Charakteren, Beziehungen und Schicksalen auseinanderzusetzen. Statt kurzer Texte steht die intensive Arbeit an einem größeren Zusammenhang im Vordergrund – sprachlich wie seelisch.
In einer zweiwöchigen Fremdsprachentheaterepoche bringen die Schülerinnen und Schüler jeweils ein englisches und ein französisches Theaterstück auf die Bühne. Teilweise entstehen dabei auch eigene Szenen oder Stücke zu aktuellen, zeitgemäßen Themen, die die Jugendlichen selbst entwickeln und verfassen. So verbinden sich Sprachkompetenz, Kreativität und persönliche Ausdruckskraft.
Sprachkundige Begleiter unterstützen die Aussprache, gemeinsam mit der Musik entsteht ein passender Rahmen, und mit theaterpädagogischer Unterstützung wird an Präsenz und Bühnenwirkung gearbeitet. Ziel ist es, die fremdsprachigen Texte lebendig werden zu lassen, sprachliche Hemmungen zu überwinden und wirklich ins Spiel einzutauchen.
Die Rollen werden entsprechend der jeweiligen Sprachkompetenz vergeben, sodass jede und jeder Einzelne gefordert wird und wachsen kann. Parallel dazu beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler mit dem historischen und kulturellen Hintergrund von Werk und Autor – und erweitern so ihren Blick über die Sprache hinaus.